Die Geschichte des Schinderhannes

Schinderhannes-Räuberbande

Im Taunus geboren und im Nahetal auf Abwege geraten.

Keiner der vielen Räuber aber wurde berühmter als der „Schinderhannes“, dem vor 165 Jahren französische Behörden das Handwerk legten. Dieser Johannes Bückler (wie Schinderhannes hieß) wurde 1778 als Sohn eines armen „Wasenmeisters“, d. h. Abdeckers geboren. Mühlen (Miehlen) im Taunus ist der Geburtsort. Sein Vater stammte aus Merzweiler (nördlichster Teil der Rheinpfalz), wo die Familie seit 1787 wieder lebte. Aber weil der Schinderssohn (d. h. Abdeckerssohn) Johannes (daher: „Schinderhannes“) für ein lustiges Leben unter den Altersgenossen Geld brauchte, geriet er auf Abwege. Hannes, der schon als Kind und Halbwüchsiger Mein und Dein verwechselte, verlegte sich eines Tages auf systematischen Hammeldiebstahl als „Nebeneinnahmen“. Nagel, ebenfalls Abdecker und sein Lehrmeister zu Bärenbach im Hunsrück, erstattete u. a. Anzeige 1795 und ließ Hannes in Kirn an der Nahe verhaften. Aber der Sechzehnjährige entwich nachts über das Dach des Rathauses. Schinderhannes war damit ein ausgebrochener Dieb, dem die Rückkehr in die geordneten Lebensformen der bürgerlichen Gesellschaft verschlossen blieb. Das abenteürliche Räuberleben der Jahre 1796 bis 1802 im Raum zwischen Saarbrücken und Mainz begann.

Von der Nahe nach Hessen und Heidelberg.

Seitdem treibt sich Johannes Bückler zürst verwahrlost auf dem Hunsrück herum, bis er unter Spießgesellen sein Diebesleben fortsetzt. Bald bestiehlt er einen Gerbermeister zu Meisenheim am Glan und verkauft die gestohlenen Häute am nächsten Tag wieder dem Eigentümer, der seine Lagerbestände offenbar kaum kannte und auf die gewandten Manieren des Baürnburschen hereinfiel. Regelmäßig bricht Schinderhannes zunächst seitdem in unbewachte Pferdeställe in zahlreichen Orten des Nahegebietes ein und schafft die Beute gegen hohe Belohnung den Eigentümern wieder zurück. Kleinvieh, Textilien, Wertgegenstände ergänzen den „Handel“ vortrefflich.. Jede Flucht gelingt, sobald Gendarmerie ihn festnimmt. Von Tag zu Tag steigt sein Ansehen. Ja, der Ruhm des Räubers beginnt selbst „Kollegen“ zu faszinieren, während die abergläubische Bevölkerung Schinderhannes mit dem Teufel im Bunde glaubt. Wird der Boden des linken Rheinufers unter den Füßen zu heiß, wandert Schinderhannes unter dem Namen „Krämerjakob“ oder „Jacob Ofenloch“ mit einem „Bauchladen“ auf das rechte, wo er im Hessischen weilt und einmal sogar bis Heidelberg und zum Oberrhein zieht.

Der „Räuberfürst“ vom Hunsrück.

Erst nachdem Schinderhannes die Zeit von Januar bis August 1799 im Gefängnis der Hunsrückstadt Simmern verbrachte, das heute als „Schinderhannesturm“ Jugendherberge ist, plant er eine größere Bande. Was Kaiser Napoleon zu seiner Zeit im großen als Emporkömmling in Frankreich ist, will er im kleinen für „seine“ unwegsamen Waldberge im Winkel von Nahe und Rhein sein: ein „Gebieter“ mit „Heer“ und „Untertanen“. Als er endlich den Gefängniswärter überlistet, bricht er sich beim Sprung aus dem Turm ein Bein. Ein langes Krankenlager folgt und verzögert zunächst die Pläne. So zeigt erst der Herbst 1800 Schinderhannes – seit Ostern im Lebensbunde mit der bildhübschen Musikantentochter Julia Bläsius, zwar ohne Segen der Kirche – als „Räuberfürsten“. Die Schlupfwinkel Kallenfels, Hahnenbach und Birkenfeldermühle an der Nahe gleichen zeitweise kleinen Residenzen, in denen Feste und Gelage mit „Damen“ einander folgten. Schildwachen patroullieren vor den Wohnstätten ihres Hauptmanns. Leibschneider verarbeiten gestohlene Tuche zu kostbarer Kleidung, darunter zu den für Schinderhannes so typischen Jägeranzügen. (Trotzdem bleibt Schinderhannes in seinem Wesen ein Räuber, keineswegs wird er ein politischer Rebell: er will ja die staatlichen Verhältnisse auf dem französisch besetzten linken Rheinufer nicht ändern, sondern sich persönlich bereichern. Darüber hinaus erfüllt ihn oberflächliches Geltungsbedürfnis.) Freigebigkeit oder Drohbriefe des Schinderhannes und seiner Gesellen halten viele Dörfer in Schach, so dass sie die Räuber nicht anzeigen, wenn sie die Räuber nicht sogar als „Werkzeug der Gerechtigkeit“ verehren, weil diese auf „Anzeige“ Wucherer überfallen.

Räuberleben als Gewerbe.

Schinderhannes hat manche Tat, die seinen Ruhm begründete, nicht allein geplant. Johann Leiendecker, Schuhmacher war der einflussreichste Genosse. Er überlegte oft, in welchem Haus die größte Beute zu finden war. Er ist nicht selten der originelle Autor der Droh- und Erpresserbriefe, die Schinderhannes nur unterzeichnete. Er ist wahrscheinlich auch der Erfinder der teür verkauften „Sicherheitskarten“, die ihre Inhaber vor dem Zugriff der Bande schützten. Ihm gelang es, nach Holland zu flüchten, sich als Schuster in Amsterdam niederzulassen; und die Gerechtigkeit hatte das Nachsehen. Einbruch, Raub, Diebstahl und Erpressung ist schließlich für Schinderhannes und seine Gesellen ein rationelles Gewerbe. Ein versierter Schreiber erledigt die Korrespondenz von Drohbriefen der Bande. Immer wieder erpreßt sie so trotz „freundlicher Grüße“ oder „Gruß und Bruderlieb“ Zahlungen, indem sie Kaufleute oder Metallindustrielle mit hohen Kautionen zu „Audienzen“ lädt. Regelmäßige Steürn Tributwilliger geben der Bande eine solide Finanzgrundlage, wenn Schinderhannes auch gegen verarmte „Steürzahler“ stets Großmut walten läßt. Darüber hinaus zeigen alle Einbrüche eine sorgfältig ausgebildete Methode. Ein Balken rammt die Türen. Die Banditen fesseln und knebeln die Hausbewohner, rauben, drohen jedem, der schreiben will, mit dem Tod und verschwinden. Weil Schinderhannes die Brücken zu einem neün, ehrbaren bürgerlichen Leben nie ganz abbrechen will (und auch auf alle Fälle“ kein Mörder in den Augen der Justiz werden möchte) scheut er jedes Blutvergießen und sucht, wenn auch oft vergeblich, die Spießgesellen zu bändigen. Julchen, seine Frau, begleitet ihn in Männertracht, falls sie nicht rechtsrheinisch Kurzwaren oder Beute verkauft.

Das Räuberfest.

Ein festlicher Ball zu Griebelschied bei Kirn bildet den Höhepunkt dieser Tage. Die „lieben Untertanen“ von nah und fern erscheinen, einschließlich aller Bürgermeister und Amtspersonen der hörigen Dörfer. Und als eine berühmte Tänzerin von Paris nach Mainz durch den Hunsrück fährt, wird ihr Reisewagen an einer einsamen Stelle mit gezogenen Pistolen angehalten. „Eingeladen“ auf diese wenig alltägliche Art, muß sie ein unvorhergesehenes Gastspiel vor der Bande geben, ehe sie hochbelohnt und wohlbehalten weiterreisen darf. Gerne hat sie später der naiven Lebenslust ihrer seltsamen Gastgeber gedacht und immer wieder versichert, wie anständig es in dem Räuberkreis zugegangen sei. Verfolgung aufgenommen. Während um 1801 die französische Polizeiordnung allmählich an Wirksamkeit gewinnt, fängt auch die Bevölkerung an, von sich aus Widerstand zu leisten. Als Schinderhannes 1801 den jüdischen Großkaufmann Seckel Löw zu Staudernheim an der Nahe überfällt, eilen die Baürn der beliebten Familie auf ihre Rufe hin bewaffnet zur Hilfe. Eine wüste Schießerei zwingt die Banditen trotz heftiger Gegenwehr zum Rückzug. Weitere nächtliche Straßenkämpfe folgen in anderen Ortschaften. Schinderhannes Stern beginnt zu sinken, obwohl er jetzt erst recht mit seinen Gesellen Raub auf Raub ausführt. Im Frühjahr 1802 schließen sich spanische Gardinen überraschend hinter den wichtigsten Helfern. Das französische Kaiserreich sieht im Kampf gegen daß Räubertum am Rhein immer mehr eine Prestigefrage. Seine Gendarmerie, durch viele Mißerfolge erbittert, greift zu so oft sich Gelegenheit bietet. Deutsche Mitarbeiter leisten wertvolle Dienste. Jeder erwischte Dieb steht umgehend vor einem französischen Militärgericht, aus dessen Fängen ihn bloß gelegentlich die Schwierigkeit der Offiziere erlöst, Mundart zu verstehen. Im Frühling 1802 geschieht ein „Wunder“:

Schinderhannes gibt auf.

Da er sich nicht mehr sicher fühlt, will er als reisender Händler ein bürgerliches Leben wiederbeginnen. Aber es ist zu spät. Nur mit Mühe entgeht er Anfang Juni 1802 einer Verhaftung auf dem Westerwald. Schinderhannes muß untertauchen, läßt sich deshalb für die deutsche kaiserliche Armee anwerben, damals für verdächtige Subjekte der beste Weg, auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Doch ein „kleiner Kollege“ erkennt ihn im Regiment und zeigt ihn an, um die hohe Belohnung zu erhalten, die auf seinen Kopf ausgesetzt worden war. Die Verhaftung erfolgte in Frankfurt, die Auslieferung an die französischen Behörden in Mainz. Neun Monate daürn die Verhöre über 564 Punkte. Da Schinderhannes auf einen Gnadenakt durch Napoleon hofft, ist er geständig. Seine Geständnisse aber liefern die große Zahl der Helfer der Justiz aus.

Gericht in Mainz gegen 68 Angeklagte.

Am 24. Oktober 1803 eröffnet ein Spezialgericht im damals französischen Mainz die Hauptverhandlung gegen 68 Angeklagte. 173 Zeugen lädt die Staatsanwaltschaft, 260 Zeugen laden die neun Verteidiger. 53 Verbrechen allein werden Schinderhannes zur Last gelegt, während die Prozeßakten sechs schwere Foliobände füllen und in französischer und deutscher Sprache ausgefertigt werden. Tausende Gäste aus ganz Europa weilen in Mainz und streiten täglich um die 500 Eintrittskarten, deren Preise ständig steigen und deren Erlös der Armenkasse zufließt. Zwei volle Tage daürt die Verlesung der Anklageschrift. Am Nachmittag des 19. November zieht das Gericht seine Mitglieder zur Beratung zurück, am 20. November verkündet das Tribunal das Urteil gegen 42 Angeklagte, überweist einen zuständigkeitshalber den Gerichten zu Saarbrücken und spricht 20 Personen, mangels Beweises meist, frei. Auf Schinderhannes und 19 Komplizen erkennt das Gericht die Todesstrafe. Drei Morde, 20 Raubüberfälle und 30 Diebstähle hält das Gericht bei Schinderhannes für erwiesen. Kerkerketten und Zuchthaus erwarten die anderen, Vater Bückler erhält eine 22jährige Kettenstrafe. Julchen Bläsius (die trotzdem später noch einen Gendarmen heiratet und 1851 als wohlachtbare Bürgersfrau stirbt) erhält lediglich zwei Jahre Zuchthaus. Am 21. November 1803 vollstreckt die Guillotine vor den Toren von Mainz die Todesurteile. 40 000 Zuschaür umdrängen neugierig die Ruhestätte.

Lit. Dr. K. Rockenbach Die Brücke Beil. zur Trier. Landeszeitung No. 06/1968

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Schinderhannes-Buffet

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